Stacheldraht

Sie haben dich ins Feld geschrieben, zu Strauch und Distel,
Deine Füße betoniert und die Haare scharf geschnitten.
Steht dir gut,
Wie du pflichtbewusst die Luft zwischen den Nationen siebst und
Unter den Acker bringst, wer seine Sporen nicht verdient.

Stacheldraht,
König der Zäune mit Dornenkrone,
Schlitzer der Hosen und Hoffnungslosen,
Steh‘ stramm um unser Vaterland!
Die Schwesterstadt ist abgebrannt und
Hinter dir die Grenze dicht gemacht.
Stacheldraht, werde jetzt nicht schwach!
Zu beiden Seiten kauern die Waisen und warten
Auf den Moment, dich zu schneiden. Bleib‘ tapfer,
Schon der Rhetorik zum Trotz und mach dir nichts draus:
Sie würden nicht weniger reden, wärst du doppelt so hoch
Oder gar nicht erst dort.

Stacheldraht, glaube nicht, was du im Fernsehen siehst!
Die Nachrichten sind verlogen wie die Gleise verbogen,
Über die täglich volle Züge rollen.
Wir prügeln uns schon um die Fracht, die niemand haben will!
Die Frage ist: Wohin liefern, wenn im Adressfeld
„so weit fort wie möglich“ steht und
Der Absender unbekannt verstorben ist?

Stacheldraht,
Wenn du schon da stehst und Luft siebst,
Dann bitte deine Passanten zum Aderlass.
Wir brauchen Reserven für Transfusionen,
Keinen Exitus intus und vermüllte Wanderrouten!
Denn auch, wenn Sie es nicht wussten, aber
Wir bluten im Inland schon genug –
Dabei sind wir aber am liebsten unter uns.
Ohne der Gott Geliebten im Nacken,
Dem Urteil der Freunde von allen Flanken und
Meinungen in unbekannten Sprachen!
Ach Stacheldraht, dann mach doch,
Was du weder tun, noch lassen kann.

– –

Europa, du Diva.
Wer waren deine Eltern?
Haben sie dir in die Ruinen der Hölle denn kein Bett gebaut?
Haben sie dir aus Blut und Schweiß kein Kleid geweint?
Dich nicht im Staub getauft oder
Dir aus ihrem Rückgrat Brücken über Schrott gebaut?
Dir singt ein Chor Sirenen Morgenlieder, jeden Morgen wieder,
Dass du nicht vergisst und dich erinnerst,
Wovor sie flohen, wenn sie konnten.

Europa, jetzt gehst du wieder!
Wo bist du, wenn nicht in der Heimat? Was machst du,
Wenn du spät aus bleibst? Glaub mir, dein Stier ist bald leid,
Dich über den Schlamm zu galoppieren. Stell dir mal vor,
Du würdest da stehen und zu weißen Füßen aufblicken!

– –

Völker,
Setzt euch locker.
Wir haben genug Kartoffeln und Wein für den Export.
Wir haben Haloumi in der Piñata und frische Mode aus Containern.
Wir drehen Fallschirme aus Brezeln und strecken unser BIP mit aberkannten Titeln,
Wir pilgern in Schleife um Minaretten und drehen Maiglöckchen für den Frieden.
Wir reden gegen Wände, in goldene Kelche und diskutieren aus tiefen Sesseln
Ein Leben in Zelten.